40 Jahre Reisen durch Kanada

kanada buch

        Geplant war es nicht. Doch als mein Mann von seiner Firma ein Angebot bekam, nahmen wir an. Es sollten vier Jahre werden – es wurden 40 daraus.

In Kanada arbeitete ich als freiberufliche Journalistin für die deutschsprachige Zeitung Kanada Kurier und als Nachrichtensprecherin für das deutsche Fernsehprogramm bei Peterbourough Chex 12. Später gründete ich einen Verlag und brachte das Deutsch-Kanadische Geschäfts- und Handelsverzeichnis heraus. Meine Reisen durch Kanada galten nicht ausschließlich dem Business; ich fand immer noch Zeit, mich für Land und Leute zu interessieren, denn die zwar verhältnismäßig kurze, doch vielfältige und abenteuerliche Geschichte Kanadas hatte mich fasziniert. Ich schrieb mein erstes Buch „Reisen durch Ontario“ und das führte zu meinem dritten Beruf. Ich wurde eingeladen, Geschäftsreisende zu begleiten, die nach Seminarbesuchen noch etwas vom Land sehen wollten. In den folgenden 20 Jahren begleitete ich Deutsche, Schweizer, Österreicher und gelegentlich auch Irländer auf Reisen durch Kanada und die USA.

Bevor ich Ihnen darüber erzähle, gebe ich ein paar Tipps an Sie weiter, wie man in Kanada als Urlauber gut über die Runden kommt, denn einige Dinge sind grundlegend anders. Fast jeder Europäer fällt über die Hürde Nummer eins in Nordamerika. Die Begrüßung. „How are you“ ist die gängige Anrede, egal ob es ein Nachbar, ein Arbeitskollege oder ein Fremder ist. Von einem Freund abgesehen, erwartet man keine detaillierte Antwort. Ein höfliches „Fine, thank you“ genügt.

Wenn Sie im Gedränge jemanden berühren oder anstoßen, ist ein „I am sorry“ oder „Pardon me!“ angebracht, egal ob Sie daran schuld waren oder nicht. Es ist nicht sinnvoll, die Frage zu stellen, ob nicht derjenige, der Sie anstößt, derjenige sein sollte, der um Entschuldigung bittet. Denn sich zu entschuldigen ist höflich und in Kanada geht man sehr höflich miteinander um.

Auch beim Anstellen ist Etikette zu wahren. Man bildet überall eine Reihe; bei der Bushaltestelle, um Kinokarten zu kaufen oder um ins Restaurant zu gehen. Selten kommt jemand auf die Idee, sich vorzudrängen. Ich allerdings, da ich meist mit dem Auto unterwegs war, kam einmal zur Haltestelle, als gerade der Bus einfuhr, und stellte mich seitlich zu den anströmenden Passagieren. Neben mir stand ein sehr militärisch aussehender älterer Herr. Er gab mir einen vernichtenden Blick, wies auf das Ende der Schlange und sagte im besten Queens-Englisch zu mir: „Dort ist dein Platz.“ Ich ging mit hängendem Kopf zum Ende der Reihe und schämte mich.

Nach europäischem Maßstab gemessen, ist man auch viel prüder. Als ich mit meiner dreijährigen Tochter, die einen Kopf voll roter Locken hatte, ins Schwimmbad ging, fragte mich ein kleines Mädchen, ob meine Judy ein Bub sei. „Nein, wie kommst du darauf?“, fragte ich sie. „Warum hat sie dann kein Oberteil an?“, fragte die Kleine tadelnd. Auch in die Sauna gehen Damen und Herren getrennt und selbst da habe ich Frauen im Badeanzug angetroffen. FKK-Strände gibt es trotzdem.

In der Großstadt Toronto ist das U-Bahn-Netz nicht ausreichend, was immer wieder zu Verkehrschaos führt. Doch auch der dichteste Verkehr auf den Autobahnen geht vorwiegend mit souveräner Höflichkeit vor sich. Sich falsch einzuordnen, ist nur selten ein Anlass, verflucht zu werden. In Kanada gibt es nur wenige religiöse Feiertage, da Menschen mit vielen Glaubensbekenntnissen zusammenleben. Neben dem Weihnachtsfest gibt es Good Friday (Karfreitag) sowie nationale Feiertage: New Year’s Day, Victoria Day, Canada Day, Labour Day und Thanksgiving Day. Dann kommen, je nach Provinz, noch einige freie Tage dazu; in Ontario ist es der Boxing Day, der auf den 26. Dezember fällt. Das ist ein Einkaufstag. Man kann unglaublich günstig einkaufen und der Spruch „Shop till you drop“, lose übersetzt „Einkaufen bis zum Umfallen“, wird wörtlich genommen. Bei besonders begehrten Artikeln stellen sich manche Leute schon um Mitternacht vor den Geschäften an. Dieses Durchstehvermögen muss man bewundern, besonders wenn man den kanadischen Winter bedenkt!

Sich in Kanadas Supermärkten zu verirren, ist einfach, sie sind von gewaltiger Größe. Es werden Unmengen von Obst- und Gemüsesorten angeboten und das Angebot an Fertiggerichten ist überwältigend. Der Kanadier geht ein- bis zweimal im Monat einkaufen, was auch die riesigen Buggys erklärt, die benötigt werden. Aus praktischen Gründen gibt es in jedem Supermarkt eine Bäckerei, ein Postamt, ein Selbstbedienungsrestaurant und eine Drogerie. Die Faszination an der kanadischen Küche ist ihre Vielfalt. Genau genommen gibt es gar keine typisch kanadische Küche. Die Briten haben ihren kulinarischen Stempel auf einer Vielfalt von Speisen hinterlassen wie Steak, Pot Roast, Stew und Pies mit Huhn oder Lammfleisch gefüllt. Zum Dessert gibt es oft Pies mit äpfeln oder Pfirsichen, nicht zu vergessen die immer beliebten Scones und Muffins, die man zum Kaffee reicht. übrigens, die Muffins schmecken in Kanada weitaus besser als jene, die Europas Bäcker produzieren. Morning Glory heißt mein Favorit. Unbedingt kosten!

In Kanada gibt es Bier im Beer Store, Wein und Spirituosen im LCBO’s (Liquor Control Board) zu kaufen. Der Staat hält das Monopol am Alkoholverkauf. Obwohl nur 9 % der Kanadier dem Alkoholgenuss bedenklich gegenüberstehen, gibt es viele, zum Teil auch skurrile Bestimmungen dazu. Alkoholflaschen darf man nicht sichtbar tragen, sie müssen neutral verhüllt werden und dürfen im Auto nur im Kofferraum transportiert werden. Weiters darf man in der Öffentlichkeit keinen Alkohol konsumieren. Auch im Garten seines Hauses darf man nur Alkohol trinken, wenn dieser nicht eingesehen werden kann.

In Restaurants zahlt man im Schnitt für ein Glas Wein um die 10 Dollar, für Bier 5 Dollar. In Quebec kann der Gast auch in Restaurants, die keine Lizenz haben, Bier oder Wein selbst mitbringen. „Bring your own bottle“ (bring deine eigene Flasche mit) hört man gerne, da man so die teuren Alkoholpreise umgehen kann. Das Glas bekommt man für ein Aufgeld dazu.

Verspüren Sie ein menschliches Rühren? Dafür gibt es in Kanada eine Reihe von Ausdrücken. Zugezogene Briten werden nach dem Loo fragen, Leuten aus Hinterland ist das Outhouse geläufig, dann wird auch noch nach einem Washroom gefragt oder auch einem Restroom. In gehobenen Kreisen spricht man auch von einem Powder-Room. Etwas verwirrend für Neuankömmlinge. Mein Tipp: Fragen Sie nach einem Washroom, damit sind Sie immer richtig! Jetzt sind Sie reisefertig! Kommen Sie mit, es geht los!

Inhaltsverzeichnis:

Teil 1 MEINE REISEN IN DEN OSTEN

Kapitel 1, TORONTO Teil 1
Wie man das Land von den Natives kaufte – Als Komparsin beim Film – Ed Mirvish, der kanadische Millionär – Hinter den Kulissen von China-Town

Kapitel 2, TORONTO Teil 2
Vom „wundervoll amüsanten“ Royal Ontario Museum – Das Toronto International Filmfestival – Als das Campell House umzog – Torontos zweites Rathaus und der Ärger mit den Bogenschützen

Kapitel 3, TORONTO Teil 3
Die goldene Bank – Toronto, die Schweinestadt – Ein Deutscher baute die Yonge Street – Mein Picknick am Grabstein

Kapitel 4, DIE NIAGARAFÄLLE
Die großen Lachse im Humber River – Das Rätsel um die mischblütige Frau – Der britische Soldat Captain Swayze geistert im Old Angel Inn „Miracles, Myths & Magic“ oder: Die ungebrochene Faszination für die Fälle

Kapitel 5, REISE IN DEN NORDEN ONTARIOS
Leben wie ein Pionier – Amüsante Geschichten aus der Goldgräberzeit – Eine unvergessliche Nacht im kanadischen Wald – Unwetter am Lake Nipissing

Kapitel 6, KITCHENER-WATERLOO
Quäker, Hugenotten, Hutterer und Amisch leben in Kanada – Die Mennoniten am Markt in Ontario – im Dachwägele durch St. Jacobs – Besuch bei einem Mennoniten-Metzger

Kapitel 7, DIE FAHRT IN DEN ALGONQUIN PARK
Tornado! – Die Vernichtung der Huronen – Die Entstehung der 30.000 Inseln – Die Geschichte vom „Colonel of Kentucky“ – Norman Bethune, der kanadische Kommunist – Der mysteriöse Tod von Tom Thompson

Kapitel 8, KINGSTON
Die weiße Stadt – Kingstons „bewundernswertes Gefängnis“ – Der Witwen-Ausguck, geliebt und geschmäht – Wie die 1.000 Inseln entstanden

Kapitel 9, OTTAWA
Das Museum of History, die Vision eines genialen Natives – Königin Victoria’s Empire in der Wildnis – Der Rideau Canal wird gebaut – Präsident Chruschtschow nimmt die Schaufel aus Rideau Hall mit – Standoff in Okra

Kapitel 10, MONTEBELLO
Ein Besuch im größten Blockhaus der Welt

Kapitel 11, MONTREAL
Die Stadt auf einer Insel im Strom – Vom Königsberg und dem berühmten Olympischen Stadion – Das beste Montreal Smoked Meat isst man dort, wo es erfunden wurde – Die wunderschöne Basilika Notre-Dame – Wie der französische König Ludwig XIV. auf ungewohntem Weg zu vielen Töchtern kam

Kapitel 12, QUEBEC CITY
Von Adeligen und Bauern – Die Legende vom Stamm der Atikamekw – Die „falschen Diamanten aus Kanada!“ – Ein undefinierbares Geschenk

Kapitel 13, ZU DEN WALEN NACH TADUSSAC
Wie man Ahornsirup herstellt – Von den Wunderheilungen am Strom – „… Flüsse wie Feuerwasser und betrunkene Wälder“ – Champlain beschreibt rauchende Indianer – Unsere Fahrt auf dem Walboot – Der Untergang der Empress of Ireland

Kapitel 14, NEW BRUNSWICK
Evangeline sucht ihren Geliebten – Der Präsident von Madawaska – Baronin Riedesel Freifrau zu Eisenbach stellt den ersten Weihnachtsbaum auf – Fiddleheads, eine besondere Delikatesse – In St. John’s fließt der Fluss rückwärts!

Kapitel 15, NOVA SCOTIA Teil 1
Die schwarze Bevölkerung von Nova Scotia – Lunenburg, eine deutsche Gründung – Gibt es einen Schatz auf Oak Island? – Die Tragödie bei Peggy’s Cove

Kapitel 16, NOVA SCOTIA Teil 2
Krauch’s Smoked Salmon, eine Delikatesse nach dänischem Rezept – Die größte, nicht nukleare Katastrophe der Welt traf Halifax – Wo die Ertrunkenen der Titanic begraben sind – Ein Schweizer Hotel auf Cape Breton – Das schottische Nationalgericht, Haggis, ist „Eine Wurst von großer Anmut“

Kapitel 17, NEWFOUNDLAND – THE ROCK
Der Felsen im Meer – Caboto entdeckte die Insel – Mein ganz besonderer Eisberg – Warum man den Kabeljau küssen soll – Eine Kultur geht zugrunde

Teil 2 MEINE REISEN IN DEN WESTEN

Kapitel 18, VON TORONTO NACH THUNDER BAY
Eine Reise über 4.200 km beginnt – Manitoulin Island, die Insel des Großen Geistes – Die Malerei auf dem Agawa Rock – Der Wüstenfuchs am Lake Superior – Wir suchen Amethysten – Der Himmel wütet über Thunder Bay

Kapitel 19, VON THUNDER BAY NACH WINNIPEG
Fort Williams, wo die Crees mit den Franzosen die Felle tauschten – Kenora, die Rattenstadt – Umringt von Hells Angels – Der unselige Henry Hudson – Mit Isländern am Lake Winnipeg – Churchill, das Eisbärenkapital der Welt

Kapitel 20, VON WINNIPEG NACH CALGARY
Mit hessischen Bauern unterwegs – Von der RCMP verfolgt – Die Geschichte der Hutterer ist mit Blut und Tränen geschrieben – Der Büffel, das Geschenk des Großen Bären – Von Dinosauriern, Schlangen und Hoodoos – Die Calgary Stampede muss man gesehen haben!

Kapitel 21, VON CALGARY NACH GOLDEN
Die wunderbaren Rocky Mountains – Erlebnisse in Banff – Bären beim Mittagessen – Mein Abenteuer im Johnston Canyon – Von Erdhörnchen umringt

Kapitel 22, VON GOLDEN NACH KAMLOOPS
Das Rätsel um das bayrische Kimberley – Der polygamische Mormonen-Bischof hat 146 Kinder – Im Zauberwald – Ein Nuklearwissenschaftler als erfolgreicher Bierbrauer – Im Western Saloon am Three Valley Lake – Die Tragödie der Secwepemc Indianer

Kapitel 23, VON KAMLOOPS NACH VANCOUVER
Von Ogopogo, dem Seemonster im Lake Okanagan – Goldwaschen im Fraser River, ein mühsames Vergnügen – Wo die „Brücke der 23 Kamele“ steht – Der Sasquatch, lebende Fantasie?

Kapitel 24, VANCOUVER
Vom FKK-Strand, Gastown und der beliebten Dampfuhr – Das Fairmont-Hotel und die „Lady in Red“ – Nervenkitzel pur – Die Capilano-Hängebrücke – Totempfähle im Stanley Park – Das Emigrationsdilemma der Japaner

Kapitel 25, VANCOUVER ISLAND Teil 1
Unterwegs mit den Mörderwalen – Chinatown, das Zentrum des Opiumhandels – Das romantische Craigdarroch-Schloss – English Tea im Empress Hotel!

Kapitel 26, VANCOUVER ISLAND Teil 2
Die exzentrische Malerin Emily Carr – Der Zauber von Butchart Gardens –Vom Aufstieg und Untergang des Architekten Francis Rattenbury – Wie das Licht auf die Erde kam

Leseprobe aus: „40 Jahre Reisen durch Kanada gesehen – gehört – erlebt“

VON THUNDER BAY NACH WINNIPEG

Am nächsten Tag fahren wir durch Thunder Bay, die größte Stadt am Nordufer des Lake Superiors und zugleich die wichtigste, denn sie hat den drittgrößten Hafen in Kanada. Die Stadt wirkt gewaltig, dunkel und geschäftstüchtig. Sie ist eine Industriestadt, die ihren Charme dem Mammon geopfert hat; dennoch ist sie beeindruckend. Neben den Briten haben hier auch viele Polen, Ukrainer, Finnen und Italiener eine neue Heimat gefunden.

Unser Ziel ist der Fort William Historical Park, bekannt als die größte Outdoor-Attraktion in Nordamerika, denn hierher zogen die französischen Pioniere, die es satthatten, an den Ufern des St. Lawrence die Felder urbar zu machen. Sie tauschten mit den Crees und den Assiniboine Felle. Denn durch den Pelzhandel, das wusste jedes Kind, konnte man reich werden. Deshalb ignorierten sie das Verbot der Kolonialregierung und nahmen ungeheuerliche Strapazen auf sich. Mit Birkenrindenkanus fuhr man von Montreal durch den Ottawa River und über unzählige Portagen (durch die das Kanu getragen werden musste) in den Lake Superior. Die Kanus hatten eine Besatzung von acht Mann; um Zeit zu sparen, jagte man auf der Fahrt in den Norden nicht nach Wild, sondern nahm gepökeltes Schweinefleisch mit. Pelze und nochmals Pelze wollten die Reichen Europas haben, da sie ihrer Dichte wegen sehr beliebt waren. Besonders begehrt war der Biberpelz. Aus seinem feinen Unterhaar konnte man Filz herstellen, der wasserdicht war – damals ein sehr gefragter Artikel, da es weder Kautschuk noch Nylon gab. Filz unterlag keiner Bekleidungsvorschrift. Sogar einfache Bürger durften ihn tragen, wenn sie ihn bezahlen konnten. Die Nachfrage wurde immer größer und schließlich bestellte man auch für das Militär Biberhüte.

Das Fort ist beeindruckend groß. In 40 Gebäuden sind überall Menschen in alten Trachten tätig. Wir spazieren zwischen Händlern und Indianern und sehen zu, wie Felle gespannt werden. In der Küche brodelt es. Alles, was die Natur bereitstellt, duftet verführerisch. Dann sehen wir uns die Tauschobjekte an, die von der Nordwest Company den Indianern angeboten wurden, darunter Messer, Äxte, Beile und Kessel.

Als mich Markus zum dritten Mal fragt, warum die Decken gestreift waren, wende ich mich aufseufzend an den Jesuitenpater, der neben mir steht. Ob der wohl eine Antwort darauf hätte? Doch der sieht gerade dem Mann zu, der eine Tierhaut mit einem scharfen Stein abschabt. Das würde ich beim besten Willen nicht schaffen, überlege ich. Waren die Menschen damals geschickter oder einfach nur mehr gefordert? Unser so technisches Zeitalter scheint mir plötzlich besonders liebenswert.

Pater Lapomar, mit diesem Namen stellt er sich vor, hat die Antwort auf unsere Frage parat. „Die gestreiften Decken der Hudson Bay Company“, sagt er, „wurden in England angefertigt. Neben den traditionellen Streifen gab es auch Points, das waren dünne Linien, die die Größe der Decke anzeigten. Die Decken waren als Tauschobjekt bei den Crees sehr beliebt, weil sie wärmer waren als die Felle, die sie im Winter trugen.“ Das können wir uns gut vorstellen, denn eine Tierhaut braucht im Winter ja endlos lange, um trocken zu werden. Übrigens kann man diese kultigen Decken in der Souvenirabteilung der Hudson Bay Company kaufen.

Da er gerade Zeit hat, nimmt uns Pater Lapomar auf einen Rundgang mit. Zuerst erzählt er uns von der Konkurrenz zwischen der Hudson Bay Company und der später etablierten North West Company, dann wandern wir herum und sehen alles, was wir vorerst übersehen haben. Wir erfahren, wie man früher ein Schaf von seiner Wolle befreite, was mit der Schere bis zu sechs Stunden gedauert haben soll, je nach dem Geschick des Scherers. Uns fällt auf, dass die Schweine viel dunkler als unsere Hausschweine sind. Es sind Tamworth-Schweine, eine Rasse, die aus England stammt und sich gut an das harsche Klima angepasst hat. Als Pater Lapomar Speerwerfen vorschlägt, wobei man in einen Heuhaufen zielt, sind die Kinder begeistert.

Wir sind hungrig geworden. Bannock, das ist geröstetes Fladenbrot, hilft dagegen. Irgendjemand trommelt. In der Ferne tanzt ein Ojibway wie in Trance.
Ein wunderbarer, aufregender Tag liegt hinter uns. Wir verabschieden uns von Pater Lapomar, den seine Kongregation als Aushilfe nach Manitoba beordert hat. Auch wir müssen weiter. Es sind immer noch 700 Kilometer bis Winnipeg.

Vorbei an den Kaministiquia-Fällen geht es weiter nördlich in das Gebiet der Lake of the Woods. Ein Paradies für jeden Angler. Wer hier seinen Urlaub verbringen will, der fährt nicht zum Resort, er wird mit dem Wasserflugzeug eingeflogen. Mehr als 100 Kilometer fahren wir am Ufer des Lake of Woods entlang; unzählige Inseln sehen wir und Dutzende Warnzeichen für „Moose crossing“. Elche sind hier zahlreich und für die Autofahrer sehr gefährlich.

Einmal kam ich einem Elch sehr nahe. Damals führte ich eine Gruppe deutscher Reisenden auf einem schmalen, abschüssigen Weg zum See. Wie immer ging ich voraus, als plötzlich ein Schuss die Stille zerriss. Ich blieb abrupt stehen. Schüsse in einem Park sind außergewöhnlich. Eine Sekunde später hörte ich ein Geräusch, als wäre ein Sturm heraufgezogen. Äste knickten und ein paar Sekunden später brach ein riesiger Elch aus dem Gebüsch und raste knapp an mir vorbei, den Abhang hinunter. Ich hätte seine gewaltigen Schaufeln ergreifen können. Einem fliehenden Tier in dieser Größe so nahe zu sein, ist schockierend. Dann setzte die Angst vehement ein. Hätte ich ein paar Meter weiter gestanden, hätte mich der Elch niedergetrampelt. Meine Reisegruppe fand dieses Erlebnis sehr aufregend, aber mir zitterten die Knie.

Auf halber Strecke nach Winnipeg kommen wir in Kenora an. Die Stadt lebt vom Fremdenverkehr. Es wird alles angeboten, was der Naturfreund braucht – vom Streichholz bis hin zum Boot. Über den Namen der Stadt gibt es eine gute Geschichte. Ursprünglich hieß der Ort Rat-Portage, zu Deutsch „Rattentransport“. Aber das bedeutete nicht, dass es dort viele Ratten gab. Die Ojibwe hatten den Ort gegründet und ihn Waszush Onigum genannt, was lose übersetzt „Weg zu den Biberratten“ bedeutet. Als die Europäer kamen, übersetzten die den Namen ins Englische und der wurde im Laufe der Jahre einfach auf Rat-Portage gekürzt. Vermutlich würde er noch heute so heißen, hätte nicht die Stadtverwaltung im Jahre 1902 Interesse am wirtschaftlichen Wachstum der Stadt gezeigt. Es hieß, dass die Maple Leaf Milling Company eine neue Niederlassung suche, doch einem Unternehmen, das Mühlen baut, um Mehl zu mahlen und zu verkaufen, konnte man kaum zumuten, die Mehlsäcke mit der Aufschrift „ Rattentransport“ zu bedrucken. So verlor die Stadt ihren beeindruckenden Namen, aber gewann eine neue Industrie.

Das Land beginnt flach zu werden, die Hügel treten zurück, die Wälder verschwinden, es gibt nur mehr riesige Felder, auf denen selten ein Haus zu sehen ist. So circa 20 Kilometer vor Winnipeg wird der Hyw in jeder Richtung drei Fahrspuren breit. Ich beobachte den starken Verkehr, der sich aus der Stadt drängt, während stadteinwärts kaum ein Fahrzeug zu sehen ist, und wundere mich. Ich fahre auf der rechten Spur und sehe gerade die Silhouette der Stadt auftauchen, als ich ein höllisches Geknatter vernehme. In Sekundenschnelle bin ich von den Hells Angels umringt, die mich auf die mittlere Spur drängen. Es sind mindestens 20 Harley-Davidson und mein anfängliches Gefühl der Unsicherheit weicht dem der Angst. Über uns fliegt ein Hubschrauber. Wir müssen ein seltsames Bild abgegeben haben – mein kleiner roter Chrysler Laser, umzingelt von den Hells Angels. Jetzt ist mir klar, wieso der Zubringer nach Winnipeg fast leer ist. Vermutlich wusste jeder Autofahrer in Manitoba von dem Treffen der Hells Angel und blieb der Stadt fern.

Ich schaue aus dem Fenster und versuche, den Blick des Mannes einzufangen, dessen Maschine höchstens einen Meter neben meiner Autotür knattert, doch der starrt verbissen geradeaus. Das Geknatter ist unerträglich. Es ist ein höllisches Gefühl, so eingekreist zu sein. Ein Entkommen gibt es nicht. Die Kinder haben aufgehört, mich zu fragen, was passieren wird, und starren nun still und verschreckt durch die Fenster. Dann geben die Hells Angels vor mir plötzlich Gas und die anderen ziehen mit. Der Spuk ist vorbei. Die Erinnerung an dieses Erlebnis hat mich gezeichnet; bis zum heutigen Tag schrecke ich zusammen, wenn mich ein Motorrad überholt.

Falls Sie die Geschichte der Hells Angels nicht kennen, ich habe sie Ihnen aufgeschrieben: Der Biker- und Rockerklub wurde 1948 in Kalifornien gegründet. Seine Mitglieder waren beliebt und beneidet von all jenen, die gerne mit dabei gewesen wären, sich aber nicht trauten, und von jenen, die sich trauten, aber nicht aus dem Alltagsstress herauskonnten. Von der Unbekümmertheit und der Aura von Freiheit, die die Biker ausstrahlten, waren alle fasziniert. Doch schon ein paar Jahre später änderte sich das Bild. Man warf den Hells Angels Schutzgelderpressungen, Gewaltdelikte und Prostitution vor, außerdem waren sie in Drogenkriege mit rivalisierenden Bikern verwickelt, bei denen auch Handgranaten, Maschinenpistolen und Granatwerfer eingesetzt wurden. Ähnlich wie die Mafia haben sie Strukturen für die Aufnahme neuer Mitglieder entwickelt und sind daher schwer zu unterwandern. Die besten Chancen, als Mitglied akzeptiert zu werden, sollen Kriminelle haben, die schon einmal im Gefängnis waren.

Meine Freundin Hildur hat mich eingeladen, bei ihr zu wohnen, und ich bin sehr froh über ihr Angebot. Ich kann keine Autobahn mehr sehen. Als ich sie anrufe und ihr unser Erlebnis mit den Hells Angels erzähle, ist sie sprachlos. Sie wohnt nördlich von Winnipeg, nahe dem Lake Winnipeg, in einem der kleinen Häuschen, die an der Straße stehen und aussehen, als würde sie der nächste Windstoß davontragen. Dabei sind sie nicht nur stabil gebaut, sie auch ausgezeichnet isoliert, was bei den extremen Wintertemperaturen sehr nötig ist. Fertighäuser sind sehr beliebt in Kanada. Hat ein Immobilien-Unternehmen eine größere Siedlung geplant, dann entstehen Musterhäuser, komplett eingerichtet, um den Käufern zu zeigen, wie ihr Haus aussehen könnte. Der Preis ist allerdings immer mit der billigsten Ausführung berechnet, sodass das Haus letztlich wesentlich mehr kostet. „Guter Geschmack ist eben teuer“, sage ich anerkennend zu Hildur, die liebevoll mit ihren Fingern über die schwarze Granitplatte in ihrer Küche streicht. Auch die Parkettböden anstelle der vorgesehenen Spannteppiche kosten mehr, sehen aber toll aus. Die Küche ist eingebaut, gleich mit Herd, Kühlschrank und Geschirrspüler. Die Schränke im Vorzimmer und in den Schlafzimmern gehören zur Ausstattung.

Nachdem ich alles bewundert habe, setzen wir uns in den Garten zum Grillen. Es gibt Caesar Salad und einen großen, ganz frischen Zander aus dem Lake Winnipeg. Hildur hat besondere Beziehungen zu einem der Fischer, mit dem sie verwandt ist. Wie, weiß sie selbst nicht genau. Über fünf Ecken herum, sagt sie lachend. Beide sind Nachkommen der Isländer, die 1875 ihre Insel verlassen hatten, auf der Flucht vor den Folgen eines verheerenden Vulkanausbruchs. Als sie von Winnipeg in Richtung Norden zogen, kamen sie durch eine schwarze und völlig kahle Landschaft. Auch hier war das Land verödet, nachdem die Heuschrecken zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert die Felder der Bauern kahlgefressen hatten. „Aber das war kein Problem für die Isländer“, erzählt mir Hildur weiter, die die Geschichte schon Hunderte Male von ihrer Großtante gehört hatte, „denn sie wollten nur Vieh halten und Fische fangen.“

Da sich die Isländer vor den Indianern fürchteten, zogen sie an das Seeufer. Der Wald bot Pilze und Beeren, auf den Wiesen konnten sie ihre Schafe halten und der See versorgte sie mit Fischen. Später besiedelten sie auch eine Insel im See, die sie Hekla nannten, zur Erinnerung an den Zentralvulkan ihrer alten Heimat. In den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zogen die Isländer weiter. Die Regierung schuf auf dieser Insel den Hecla-Grindstone Provincial Park zur Erforschung der Flora und Fauna.

„Heute fahren wir zum See“ sagt Hildur am nächsten Morgen. Es gibt schöne, weiße Strände am Lake Winnipeg. Der See ist mit einer Gesamtlänge von 436 Kilometern riesig, womit er einer der größten Seen der Erde ist. Er ist aus dem Agassizsee hervorgegangen, der nach der letzten Eiszeit das kanadische Schild bedeckte. Das Wasser wird frühestens im August warm und so laufen wir lange den Strand entlang und essen Vinatarta, das sind isländische Kekse, mit Pflaumenmarmelade gefüllt. Hildur hat sie gebacken, nach dem Rezept ihrer Großtante. Sie erzählt, dass der See auch im Winter sehr beliebt ist, es gibt ein Ice Fishing Derby und das Pond Hockey Tournament. „Natürlich muss man wetterfest sein“, sagt sie und lacht. Hier oben hat sie schon oft das Nordlicht gesehen, die Aurora Borealis, die in Grün, Rot, Gelb, Pink, Lila oder Blau gleich tanzenden Vorhängen über den Himmel schwebt. In Churchill sieht man es am besten, sagt sie. Die Inuits sehen in ihnen die Geister der Toten, die mit einem Walrossschädel Fußball spielen. Gruselig!

Am Nachmittag fahren wir nach Winnipeg, einer Stadt mit vielen Gesichtern und trotz einiger Prachtbauten eine echte Frontierstown. Viele Natives, Einwanderer aus der Ukraine, Polen und Asien, besonders von den Philippinen, wohnen hier, insgesamt fast 660.000 Menschen. Sie leben in dem irren, kontinentalen Klima, das von 40 Grad minus im Winter auf 40 Grad plus im Sommer steigt. Mit Hildur besuchen wir das Museum of Man and Nature und sehen, was sich in den letzten 10.000 Jahren im heutigen Manitoba getan hat. Neben den Funden, die die Urbevölkerung hinterlassen hat, wird auch den Einwanderern aus der Ukraine viel Raum gewidmet. In der Nonsuch-Galerie sehen wir die Replika des Schiffes, das anlässlich des 300-jährigen Geburtstags der Hudson Bay Company in England gebaut wurde. Mit der Nonsuch (was „beispiellos“ bedeutet) ist man zum ersten Mal in die Hudson Bay vorgedrungen. Durch den Kontakt mit den Crees begann der Handel mit den Pelzen. Die Hudson Bay Company wurde geboren.

Doch den Namen „Hudson Bay“ verdankt die Bay einem der unglücklichsten Entdecker in der Geschichte der Seefahrt. Viermal versuchte Henry Hudson, für die Briten die Nordwestpassage zu finden, viermal vergeblich. Erst strandete er in einem Fluss, den man später den Hudson River nannte und an dessen Ufer Manhattan entstehen sollte. Als er die später nach ihm benannte riesige Bucht entdeckte (sie ist viermal so groß wie Deutschland), wurde er vom Winter überrascht und im Eis eingeschlossen. Hunger, Skorbut und Erfrierungen dezimierte die Mannschaft. Als das Eis endlich auftaute, weigerte sich Hudson, nach England zurückzusegeln. Vermutlich hielt er die Bucht für den Pazifik und wollte nun, wie alle vor und nach ihm, nach dem Westen segeln, um China zu finden. Eine Meuterei brach los. Hudson war schon zu oft durch seine Ungerechtigkeit im Umgang mit der Mannschaft aufgefallen und hatte damit Abneigung erregt. Er wurde überwältigt und mit seinem Sohn und einem Getreuen in einem Boot ausgesetzt. Man hörte nie wieder von ihm.

Ich überlege kurz, ob wir nicht nach Churchill (an der Hudson Bay gelegen) fliegen sollten. Sicher, die Gelegenheit ist einmalig, wie oft sind wir der „Hauptstadt der Eisbären“ so nahe? Mehr als 1.000 Eisbären leben an der Hudson Bay und ich habe die unglaublichsten Geschichten über das Zusammenleben der Einwohner in Churchill mit den Eisbären gehört. Mein Freund Max, ein Schweizer, der ein Jahr in Churchill lebte, erzählte mir, dass er umziehen musste, weil ein Eisbär die Eingangstür zu seinem Haus einbrach, gezielt durch den Vorraum ging, und bei der Hintertür, die in den Garten führt, das Haus wieder verließ. Die Tür stand zum Glück offen. Max ließ die Eingangstür sofort wieder erneuern, doch der Eisbär kam abermals und brach sie erneut ein. Diesmal brach er auch die Hintertür ein, da sie nicht offen stand. Max, der beide Male im Haus war, als der Eisbär kam, gab zu, sich betend in der Toilette verkrochen zu haben. Es stellte sich heraus, dass der Neubau genau auf dem Weg lag, den die Eisbären seit Generationen nehmen, um die Straße dahinter nach Essbarem abzusuchen. Und absolut nichts hält sie von ihrer Routine ab. Ob man in Churchill sein Auto nicht absperren darf, wie immer wieder behauptet wird, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Logisch wäre es, denn sich in ein Auto zu flüchten, ist oft die einzige Rettung, wenn man einem Eisbären gegenübersteht.

So eine Tour wäre schon toll, überlege ich, denn mit einem der Tundra-Buggys könnte man den Eisbären ungefährdet ganz nahe kommen. Sicher ein unvergessliches Erlebnis. Doch dann fällt mir plötzlich ein, dass wir Juni haben, die Eisbär-Saison aber erst im Oktober und November ist. Denn dann kommen sie, um auf der zugefrorenen Hudson Bay nach Robben zu jagen. Mein kurzer Traum ist zu Ende, doch irgendwann werde ich wiederkommen …

Wir essen mit Hildur in einem kleinen chinesischen Restaurant. Dann nehmen wir Abschied. Ich überlege, ob ich in Brandon, einer Kleinstadt in Manitoba, übernachten oder durchfahren soll, und frage Hildur, was sie davon hält. „Leggja Höfuðið í Bleyti“, sagt sie, und als ich sie fragend ansehe, schmunzelt sie. Das ist isländisch und heißt „Leg deinen Kopf ins Wasser“. Warum sollte ich, frage ich verwundert. Das bedeutet, dass man, wenn man über etwas nachdenkt, seinen Kopf ins Wasser legen müsse, sagt Hildur.

Jetzt wird es mir klar – natürlich, es gibt keinen schnelleren Weg, um zu einem Entschluss zu kommen. Ein kompromissloses Volk, diese Isländer, denke ich. Zaudern gehört nicht zu ihren Eigenschaften.

Noch immer lachend fahren wir am Trans-Canada Hwy weiter. Neuen Abenteuern entgegen!

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