Fräulein, woher weht der Wind?

kanada bücher

      Wenn man 25 Jahre als Reiseleiterin in Kanada und Amerika unterwegs ist, dann weiß man: Einen Bus voll mit Reisenden zu betreuen, ist wie einen Sack Flöhe hüten. Da sind bis zu 50 Menschen auf engsten Raum beisammen, jeder mit einer Erwartungshaltung, die er bei dieser Reise erfüllt sehen will. Die Frage war: Wie kann ich so viele Menschen glücklich machen, ohne selbst den Verstand zu verlieren? Die Antwort lautet: Man braucht eine bis zum Zerreißen gedehnte Toleranzgrenze, gepaart mit einem Schuss Leichtigkeit – und unglaublich viel Humor.

überlegen Sie: Nach welchen Kriterien wählt man einen Sitzplatz im Bus? Wie kann man ohne Koffer durch Kanada reisen? Was tun, wenn in Ihrem Einbettzimmer noch jemand wohnt? Was glauben Sie, was passiert, wenn Sie Ihre Kofferkarten nicht ganz ausfüllen –welche unvorhersehbaren Konsequenzen können ein derartiges Versäumnis nach sich ziehen? Ein Reisegast wird als Spion entlarvet, eine Handtasche macht sich selbstständig und dann, o Schreck, werden Sie auch noch von einem Grizzly verfolgt! Kommen Sie mit auf diese unglaubliche Reise und lassen Sie sich vom Reisefieber packen!

INHALTSANGABE:

1. Die Ankunft
2. Die Fragen
3. Sind alle da?
4. Flugzeug versus Hubschrauber
5. Der verlorene Koffer
6. Die Tür
7. Ein Japaner im Bus
8. Die zwei Müllers
9. Die einmalige Mohairweste
10. Die Fliege
11. Kein Essen
12. Die landesübliche Küche
13. Die verlorene Brille
14. Der gestohlene Koffer
15. Herr Meier und die Niagarafälle
16. Alles ist größer
17. Radazky
18. Die Hoteladresse
19. Das Frühstück
20. Der Weckruf
21. Fast Food
22. Der Busfahrer
23. Mein Handgepäck
24. Der Schrecken der Niagarafälle
25. Fliegen, philosophisch betrachtet!
26. Die Tasche Lilith
27. Die Bären

Leseprobe aus: „Fräulein, woher weht der Wind“

Die Bären

Eine Reise nach Kanada ist mit Schaudern verbunden. Denn hier leben die Bären. Vom Eisbären abgesehen, kann man sie praktisch überall finden. Der relativ kleine Schwarzbär kann schon gefährlich sein, doch der Grizzly, Ursus arctos horribilis, hat dazu auch noch einen furchterregenden Namen. Nicht ohne Grund! Er ist es auch! Jeder Mensch in Kanada wird Ihnen sagen, dass der Bär nichts von Ihnen will. Leider weiß der Bär das nicht! Am Ende Ihrer Busreise sind Sie entschlossen, noch eine Woche Urlaub in Kanada anzuhängen, um ihrem Drang nach Freiheit in der unberührten Natur zu folgen. Um sicher zu sein, holen Sie sich die Anleitung über Begegnungen mit Bären, die die kanadische Regierung für Urlauber herausgibt. Da steht, dass Greenhorns (das ist ein englisches Wort, das nicht "grüne Hörner" bedeutet, sondern Menschen bezeichnet, die ahnungslos in der rauen Wildnis herumsteigen) leise durch den Wald gehen, um das Getier nicht aufzuschrecken. Das ist falsch, erfahren Sie! Gehen Sie zum Beispiel durch den Wald und haben weder eine Glocke noch ein Essbesteck am Gürtel, um sich bemerkbar zu machen, könnten Sie einen Bären aufschrecken oder, noch gefährlicher, zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen geraten. Damit riskieren Sie eine Attacke. Daher wird empfohlen, zu singen oder Selbstgespräche zu führen. Klüger wäre es, so steht da weiter geschrieben, mit dem Rückenwind zu gehen, damit der Bär Sie riechen kann und abzweigt.

Diese letzte Empfehlung ist perfekt - problematisch wird es nur, wenn Ihr Wanderziel in der gegenüberliegenden Richtung liegt! Nun, da Sie wissen, wie Sie sich zu verhalten haben, sind Sie bereit, sich in das Abenteuer zu stürzen. Sie kaufen sich ein Zelt und besorgen sich die Ausrüstung bei einem Outdoor-Shop. Dann wandern Sie klingelnd durch den Wald. Natur pur! Sie genießen jeden Moment! Die Dämmerung bricht herein. Sie suchen den geeigneten Zeltplatz und finden eine romantische Lichtung. Sie stellen Ihr Zelt auf und hängen Ihren Proviant an einen Ast, denn der Bär hat eine gute Nase, haben Sie gelesen. Außerdem liebt er Salami und Würste, genau wie Sie. Leider schlafen Sie schlecht, denn bei jedem Geräusch, das sie in der Nacht aufschreckt, steigt Ihr Wunsch, zu Ihren Delikatessen auf den Ast zu klettern. Nur der Gedanke, aus dem Zelt kriechen zu müssen, hält Sie noch davon ab. Selten wird die Stille durch einen Tierlaut unterbrochen.

Diese Ruhe ist magisch und beklemmend zugleich. Sie liegen da, mit offenen Augen - und warten, warten ... Dann hören Sie ein Rascheln, genau hinter Ihrem Kopf. Sie haben es gewusst - Meister Petz ist im Anmarsch. Nun haben Sie keine Wahl. Da Sie nicht mit scharfen Klauen aus dem Zelt gezogen werden und wie ein Eisbein auf dem Teller landen möchten, stellen Sie sich mannhaft der Gefahr. Zitternd, mit weichen Knien, kriechen Sie aus dem Zelt. Ein dunkler Schatten schaukelt auf Sie zu. Nicht sehr groß, denken Sie beruhigt, aber er keucht, richtig unheimlich klingt das. Ein Windstoß bringt Bewegung in den Wald, sanft wiegen sich die Zweige im Dunkel, eine Sekunde lang sind Sie von der Romantik hingerissen, denn nun färbt sich die Lichtung in fahlem Silber unter einem Mond, der Zeuge Ihrer Tapferkeit wird. Hoch aufgerichtet stehen Sie dem Bären gegenüber - Größe demonstrierend. Leider kann der Bär das auch. Er stellt sich auf die Hinterbeine - und ist nun einen Kopf größer als sie. Dann reißt er das Maul auf. Sein Mundgeruch ist übel. Spitze, weiße Zähne schimmern im aufgerissenen Schlund.

Die Welt steht still! Ihr Herz trommelt in Ihrer Brust, nach Luft ringend versuchen Sie sich zu erinnern, was Sie in der Broschüre "Begegnung mit Bären" gelesen haben. Richtig, man muss mit ihm sprechen. Sie öffnen den Mund, bitten den Bären höflich, aber monoton (laut Anweisung) wegzugehen. Nicht einfach, wenn die Zähne klappern. Der Bär schüttelt den Kopf. Vermutlich versteht er kein Deutsch! Verzweifelt klammern Sie sich an die nächste Empfehlung auf der Liste, nämlich markerschütternd den Bären anzubrüllen. Leider kommen nur krächzende Laute aus Ihrer vertrockneten Kehle. Der Bär schüttelt missbilligend den Kopf und zeigt Ihnen, wie man richtig brüllt. Der Wald erzittert mit Ihnen! Sie haben die Schmerzgrenze erreicht und fallen in Ohnmacht. Damit befolgen Sie unfreiwillig den letzten Vorschlag aus Ihrer Broschüre - sich tot zu stellen. Der Bär hat genug gesehen und trollt sich! Sollten Sie zu den Menschen gehören, die ungern Empfehlungen befolgen, könnten Sie bei einer Bärenbegegnung auch einfach losrennen. Sie brauchen sich vorerst auch nicht zu versichern, zu welcher Spezies dieser Bär angehört. Spätestens wenn Sie auf einen Baum geklettert sind, wissen Sie, wer Sie verfolgt. Klettert der Bär Ihnen nach - und er ist schneller als Sie - dann handelt es sich um einen Schwarzbären. Steht er unten und schüttelt den Baum, bis Sie herunterfallen, dann ist es ein Grizzly. In beiden Fällen werden Sie Mahlzeit!

Jetzt kaufen

Weitere Bücher: