
Wenn man 25 Jahre als Reiseleiterin in Kanada und Amerika unterwegs ist, dann weiß man: Einen Bus voll mit Reisenden zu betreuen, ist wie einen Sack Flöhe hüten. Da sind bis zu 50 Menschen auf engsten Raum beisammen, jeder mit einer Erwartungshaltung, die er bei dieser Reise erfüllt sehen will. Die Frage war: Wie kann ich so viele Menschen glücklich machen, ohne selbst den Verstand zu verlieren? Die Antwort lautet: Man braucht eine bis zum Zerreißen gedehnte Toleranzgrenze, gepaart mit einem Schuss Leichtigkeit – und unglaublich viel Humor.
überlegen Sie: Nach welchen Kriterien wählt man einen Sitzplatz im Bus? Wie kann man ohne Koffer durch Kanada reisen? Was tun, wenn in Ihrem Einbettzimmer noch jemand wohnt? Was glauben Sie, was passiert, wenn Sie Ihre Kofferkarten nicht ganz ausfüllen –welche unvorhersehbaren Konsequenzen können ein derartiges Versäumnis nach sich ziehen? Ein Reisegast wird als Spion entlarvet, eine Handtasche macht sich selbstständig und dann, o Schreck, werden Sie auch noch von einem Grizzly verfolgt! Kommen Sie mit auf diese unglaubliche Reise und lassen Sie sich vom Reisefieber packen!>
Leseprobe aus: „Reisen durch Ontario“
DER OSTEN ONTARIOS
Flüsse bestimmen das Siedlungsgebiet. Sie sind Schutz, Grenze, Treffpunkt und Fortbewegungsmittel, und solange es noch keine Straßen gab, waren sie das einzige Verbindungsglied mit der Außenwelt. Auf diesen Flüssen kamen die Güter, die Siedler, die Regierungsbevollmächtigten und die Krieger. Einer der mächtigsten Flüsse Kanadas, der St. Lawrence River, fließt 1200 km durch den amerikanischen Kontinent bevor er in dem gleichnamigen Golf mündet.
„Was ist das für ein Fluss“ wollte Jacques Cartier, der französische Entdecker, von seinem Indianerführer wissen als sie stromaufwärts paddelten. „ Es ist der Fluss ohne Ende“, antwortete der rote Mann.
Flüsse ziehen Menschen an: Sie sind nicht nur Nahrungsquellen, sondern Elementarverbindung zwischen dem menschlichen Urbedürfnis, der Beständigkeit und dem Weiterwandern. Der Fluss der nie verhält, bietet Verlässlichkeit. Er kann Schutz aber auch Verderben bringen. Der St. Lawrence River ist kein Fluss im üblichen Sinn, er entspringt nicht als Quelle, sondern bildete eine Überlaufrinne aus der mächtigen Seeenplatte, die viel höher liegt. Selten wird das Land an seinen Ufern überschwemmt, doch die vom Atlantik einbrechenden Wellen, die durch Stürme hervorgerufen werden erreichen gefährliche Höhen. Mit der Ankunft des weißen Mannes wurde er zum Schauplatz trügerischer Hoffnung. Für Cartier war es der Weg nach China zu gelangen, ein Projekt an dem sogar große Männer wie Columbus gescheitert waren und an dem auch er scheitern würde. Denn der St. Lawrence River führt zwar in das Landesinnere hat aber viele Stromschnellen die die Schifffahrt gefährden.
Als Cartier im Jahre 1534 mit seinen Entdeckungsreisen in Amerika begann, war in Europa das dunkle Mittelalter der Area religiösen Reformen gewichen. Martin Luther verkündigte seine 95 Thesen und seine „Rechtsfertigkeit allein aus dem Glauben“ in Deutschland, Calvin proklamierte in der Schweiz seine Lehre von der Gnadenwahl und ein neues Abendmahlverständnis. Nur die Spanier waren dem Katholizismus treu geblieben und betrachteten ihre Entdeckung durch Columbus und die Schätze die ihre Schiffe über den Atlantik brachten als ein göttliches Treuegeschenk. Was Franz dem Ersten von Frankreich anging, bestand sein Interesse an dem neuen Kontinent aus einer Mischung von politischem Ehrgeiz und Neid. Er stattete den erfahrenen Kapitän Jaques Cartier mit zwei Schiffen aus, um eine Westpassage nach Fernost zu finden. Das Gold, von dem Jedermann sprach, lockte. Freilich waren die Berichte Cartiers an seinen König nicht sehr hoffnungsvoll. Der riesige Golf, der später zum Fluss wurde, war von undurchdringlichen Wäldern und karstigen Felsen umgeben, dunkel, unwegsam, und keineswegs so paradiesisch wie man es aus den Erzählungen der Spanier kannte. Dunkle Wolken von Krähen zogen unheilverkündend über dem Wasser an dessen Ufern die Cree-Indianer den Schrei der Wildgänse imitierten. Die Reise stromaufwärts (der Wasserspiegel am Lake Ontario liegt 75 Meter höher als der Golf) war gefährlich. Stromschnellen behinderten die Fahrt und dort wo heute Montreal liegt, endete Cartiers Abenteuer. Es gab kein Weiterkommen mehr. Er hatte, als erster den Weg in das Interieur Kanadas gefunden – und wusste es nicht.
Berühmte Seefahrer haben das Land entdeckt aber das wahre Verdienst haben sich die Männer und Frauen erworben die den sozialen Missständen ihrer Zeit entflohen waren und in diesem unwirtlichen Gebiet den Grundstein für ein besseres Leben legten. Sie sind in der Masse namenlos geblieben doch verdienen sie die größte Achtung. Sie haben das Land gerodet, die Sümpfe trockengelegt und unter den primitivsten Bedingungen die Felder bestellt. Sie hungerten und froren in der bitteren Kälte des Winters, litten unter den heißen und schwülen Sommern des kontinentalen Klimas. Einsamkeit und Heimweh bedrängte sie. Sie wurden von Black flies (Kriebelmücken) zerstochen, von Bären und Wölfen angegriffen, von den Indianern bedroht und von Hoffnungslosigkeit und Armut ausgelaugt. Viele vegetierten nur dahin, weil sie nicht wussten, wohin sie gehen sollten. Bei schlechter Ernte war der Tod allgegenwärtig. Damals wurde das Sprichwort geprägt, welches sich über Jahrhunderte hinweg die Einwanderergeneration beschreibt. „Dem ersten Tod, dem zweiten Not, dem dritten Brot“.
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